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Als die Stadtmusikanten beschlossen, Superstars zu werden

Oberursel. Das "Offene Mikro" der Literaturtage, in größeren Städten wie etwa Berlin "Open Mike" genannt, ein Mikrofon also, in das jedermann eigene Texte sprechen darf, hatte eine gute Zeit, Samstag, 15 Uhr, und einen guten Ort, das "Macondo". Die Fußgängerstraßen der Stadt waren schon fast leer, die Läden fast alle geschlossen, das Wetter nicht zu heiß, nicht zu kalt, der Cappuccino gut und das Publikum vor farbenfroher Bilderkunst neugierig.

Wenn schon in Oberursel nicht das Literaturfieber ausgebrochen war, so grassierte doch eine gewisse literarische Lust. Die ganz Jungen, wie in Berlin etwa, waren nicht da. Es trauten sich mehr jene längst erwachsenen Dichter und Dichterinnen, die gern Literaturzirkeln entspringen, eine Mischung aus innerer und äußerer Aufgeregtheit, mal gereimt, mal ungereimt: Daheim schreiben ist das eine, vor Publikum lesen das andere. Aber alles ging gut.

Der Zufall wollte es, dass mit Michael Meinicke, Jahrgang 1948, ein Berliner mit Berliner Tonfall eine nicht unwitzige Geschichte von den Vier Stadtmusikanten las, die Superstars werden wollten.

Fünf Minuten nur durfte jeder ran, was einerseits gut war, andererseits die Vortragenden zu einer Schnelligkeit zwang, die nicht jedem Text bekommt. Wie Meinicke, der Schriftsteller, schreibt auch Monika Heil "viele, viele Jahre", aber offenbar mehr privat. Leicht zitterte das Blatt in ihrer Hand, von dem sie Poeme ablas mit Zeilen wie "Die Sterne wollen schlafen" oder "Schreib sie auf, die Tränen, sprach der Mond".

Hessisch und richtig lebhaft wurde es mit Ingrid Melzer. Um eine Erbschaft ging es in ihrer Geschichte mit Charakteren wie der Rosalinde von Wallenberg. Frau Melzer hantierte heftig mit ihrem Buch herum und trug derart bühnenreif vor, dass das Mikro nur so zischte und krachte. Was Deutschland in seinen Wohnstuben noch so dichterisch hervor bringt, bewies die nächste Dame, welche schon für Kinder und Kindeskinder ihres Lebens Erlebnisse aufschreiben wollte. Sie begannen mit einer Reise ("ich sitze auf dem Rücksitz") in die Schweiz und einer ersten Rast in Karlsruhe.

Den "Hit" des "Open Mike" lieferte Hobbydichter Werner Buss, der ziemlich genau so aussah, wie man sich schüttelreimende Hobbydichter vorstellt: "Mit Knoblauch schmecken/ besonders Schnecken/ Der Schnecken Blut / mir schmecken gut/Schnecken / Schmecken", zwei fünf-, zwei vier-und zwei zweisilbige Reime. Oder doch lieber das (aus weiblicher Feder): "Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu finden ist".
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